«Wir sind sicher sensibilisiert auf Wind und Pinkelpausen» – Silvan Dillier über die bevorstehende Flandernrundfahrt

Silvan Dillier packt gerade seine Koffer für Belgien, als wir ihn am Karfreitagmorgen anrufen. Später steigt er nochmals kurz aufs Velo, um dem Körper mitzuteilen, dass keine Ferienstimmung herrscht. Es ist eine Gratwanderung. «Frische aufbauen für die Flandernrundfahrt», nennt es Dillier.

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Dillier führt das Feld von Mailand nach Sanremo. Foto: Laurent Aeberli/Gruppetto

Gruppetto: Bevor wir nach vorne schauen, werfen wir doch nochmals einen Blick zurück: Bei Mailand–Sanremo bist du quasi das ganze Rennen vorne gefahren. Wie war das?

Silvan Dillier: Tatsächlich bin ich da bis Kilometer 210 vorne gefahren. Danach ging das übliche Positionsfahren über die Capi los. Da konnte ich nicht mehr viel tun fürs Team.

Wie streng war das auf einer Skala von 1 bis 10?

Die erste Stunde noch 1, die letzte dann 10. Es ist wie ein Schraubstock, den du immer mehr anziehst, irgendwann tut es weh. Ich habe im Rennen über 7000 kcal verbraucht. Sprich am ganzen Tag rund 9000 kcal. Da sieht man, was für eine Leistung nötig war.

Das heisst, du warst ordentlich geknüttelt am Abend?

(lacht) Ja, ich war am meisten kaputt vom ganzen Team.

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210 Kilometer im Wind gehen auch an Silvan Dillier nicht spurlos vorbei. Foto: Laurent Aeberli/Gruppetto

Mit dem Sieg von Jasper Phlipsen gings ja wunderbar auf. Wie ist das Verhältnis zwischen Mathieu van der Poel und Philipsen?

Mathieu hätte sicher gerne auch gewonnen. Grad im Weltmeistertrikot. Jaspers Glück und das des ganzen Teams ist, dass sich Mathieu nicht zu schade ist, als Helfer Fahrer zurückzubringen. Mathieu hätte auch gewinnen können, wenn man schaut, wer auf die Plätze 2 und 3 gefahren ist (Michael Matthews und Tadej Pogačar, Anm d. Red.). Da sieht man seinen Charakter. Selbst im Regenbogentrikot fährt er für andere. Für mich ein wahrer Champion.

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Wie wäre es gewesen, wenn Phlipsen nicht gewonnen hätte?

Das muss Mathieu beantworten.

«Das ist schon ein Leistungsausweis.»

Silvan Dillier über die Bedeutung seiner bereits neunten Teilnahme an der Ronde van Vlaanderen.

Die Ronde van Vlaanderen fährst du bereits zum neunten Mal. Was löst diese Zahl bei dir aus?

(überlegt) Das heisst eigentlich, ich habe die Flandernrundfahrt nur einmal in meiner Profikarriere verpasst. Das war mir nicht bewusst, dass es schon das neunte Mal ist. Es ist schon eine Ehre und ein Leistungsausweis, bei einem der grössten Rennen neun von zehn Mal am Start zu stehen. Und das jeweils in einem Topteam mit grossem Fokus auf die Klassiker. Bei BMC, jetzt bei Alpecin-Deceuninck aber auch damals bei AG2R mit Oliver Naesen und Stijn Vandenbergh.

Und wann hast du die Ronde verpasst?

Das war im Olympiajahr 2016. Da habe ich die ganze Saisonvorbereitung auf die Bahn ausgelegt und bin darum keine Kopfsteinklassiker gefahren.

Was ist der Plan dieses Jahr für die Ronde?

Wieder im Finale präsent zu sein. Das ist Plan A. Alles andere entscheiden wir situativ.

Vergangenes Jahr habt ihr schon früh zu viel Energie verpulvert.

Das war kein ideales Rennen. Eine Woche später bei Paris-Roubaix haben wir das besser gemacht und waren von Anfang an präsent. Das nehmen wir auch dieses Jahr für die Flandernrundfahrt mit.

Was hat damals nicht geklappt?

Mathieu war zu weit hinten. Wegen des starken Winds wurde das Peloton gesplittet. Da zurückzukommen, hat schon viele Körner gekostet. Danach hat Mathieu noch in einem ungünstigen Moment gepinkelt, was uns nochmals zwei Fahrer gekostet hat.

Also sieht man euch nun ab dem Start vorne?

Wir sollten sicher nicht auf Biegen und Brechen mit der ganzen Mannschaft vorne fahren. Es kostet auch viel Energie, die ganze Ronde in den ersten 30 Positionen zu fahren. Aber wir sind sicher sensibilisierter auf Pinkelpausen und starken Wind.

Wenn du dir einen perfekten Rennverlauf wünschen könntest, wie wäre dieser am Sonntag?

Ehrlich gesagt mache ich mir da keine Gedanken dazu. Wichtig ist, dass jeder im Team sich darauf konzentriert, was im Moment grad wichtig und richtig ist. Ich fände es schön, wenn jemand von uns gewinnt, aber wie ist mir komplett egal.

2020 und 2022 hat van der Poel gewonnen. Nun wäre er ja wieder dran. Wen siehst du als grösste Konkurrenz?

Hm, da gab es eine Rochade durch den Sturz bei Dwars door Vlaanderen. Lidl-Trek ist vielleicht nicht mehr so dominant wie gedacht. Auch Visma-Lease a Bike ist sicher dezimiert durch den Ausfall von Wout van Aert. Dennoch haben sie mit Matteo Jorgensen einen guten Joker.

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Dillier führt vor Fahrern von Lidl-Trek, Groupama-FDJ und Visma-Lease a Bike bei Mailand–Sanremo. Foto: Laurent Aeberli/Gruppetto

«Ich spüre wieder Begeisterung für das Jeansdesign.»

Silvan Dillier musste sich zuerst auch an das neue Trikotdesign gewöhnen.

Zum Schluss noch zu zwei ganz anderen Dingen: Erstens, wie findest du eigentlich euer neues Trikot im Jeans-Design?

Zu Beginn schon relativ speziell, aber letztlich ist das Design wie es ist. Es ist wie bei vielen Dingen im Leben. Am Anfang bist du vielleicht schockiert, danach findest du es aber voll cool. Und in den letzten zwei, drei Wochen spüre ich eher wieder Begeisterung für das Jeansdesign.

Und zweitens hast du ja eine spezielle Beziehung zu Handschuhen: #noglovesneeded, lautet dein Motto. Da ändert sich nichts daran, oder?

Ich trage Handschuhe, wenn es kalt ist. Kurze Handschuhe nie. Angefangen hat es bei einem 4-Tage-Bahnrennen. Als ich da keine Handschuhe getragen habe, meinte der Coach, ich müsse unbedingt welche anhaben, falls ich stürze. An den letzten beiden Tagen hatte ich dann welche an. Und bin zweimal gestürzt. Mittlerweile habe ich auch ein besseres Gefühl beim Fahren ohne. Vergangene Woche bei Gent-Wevelgem bin ich mit langen Handschuhen gestartet. Die habe ich dann abgezogen, als es hektisch wurde, damit ich sicher nicht stürze. (lacht)

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