«Sicher setzen wir alles auf meine Titelverteidigung» – Noemi Rüegg startet ambitioniert in die neue Saison
Noemi Rüegg startet am 17.1. an der Tour Down Under in die Saison – zum ersten Mal in ihrer Karriere als Titelverteidigerin mit der Startnummer 1. Der Sieg vor einem Jahr wäre aber um ein Haar gar nicht zustande gekommen. Noemi Rüegg fand ihren Pass nicht und konnte nur mit einem in letzter Sekunde ausgestellten Notfallpass nach Australien fliegen. Wir haben mit der 24-jährigen Rennfahrerin telefoniert.
Seit ein paar Tagen bist du in Australien. Wann hast du deinen Pass bereit gelegt?
(lacht) Sehr früh, noch 2025 habe ich nachgeschaut, wo mein Pass ist und habe ihn dann an einem sichern Ort verstaut. Danach kontrollierte ich bis zur Abreise jeden zweiten Tag, ob er noch da ist.
In der Schweiz war es anfangs Januar richtig kalt. Hast du dich spezifisch auf die Hitze in Australien vorbereitet?
Ja, bereits Mitte Dezember hatte ich den ersten zweiwöchigen Block, während dem ich jeweils eine Stunde mit Winterkleidern auf der Rolle trainierte. Das Ziel war, in der ersten Viertelstunde die Körperkerntemperatur auf 38.5 Grad zu bringen und so 45 Minuten lang zu trainieren. Im Januar folgte der zweite Block. Wir haben grundsätzlich das Training im letzten Winter kopiert. Wir wussten ja, dass das funktioniert.
Nicht nur die Temperaturen sind anders in Australien. Beispielsweise hängen überall Plakate von dir als Titelverteidigerin. Wie fühlt sich das an?
Das ist schon sehr speziell. Es ist das erste Mal, dass ich einen Titel verteidigen kann. Wir wurden von der Rennorganisation schon am Flughafen mit einem Bus abgeholt, auf dem ich drauf war. Und auch sonst hängen überall Plakate.
Motiviert dich das?
Es bringt vor allem viele schöne Erinnerungen. Schon auch viel Motivation und ein bisschen Druck. Ich versuche es aber zu geniessen.
Merkst du das auch medial eine Veränderung?
Definitiv. Ich muss mehr Interviews geben. Und die Organisation verlangt auch mehr von mir. Aber das ist etwas Cooles. Glücklicherweise haben wir ja auch die Weltmeisterin im Team, die viel Aufmerksamkeit auf sich zieht. So nehmen wir uns gegenseitig Druck weg.
Wie ist es denn, neben Magdeleine Vallieres im Regenbogentrikot zu fahren?
Sehr speziell. Und schon sehr surreal. Es gab uns allen einen rechten Boost. Und es ist schön zu sehen, wie sich die harte Arbeit auszahlt und manchmal auch Underdogs gewinnen können. Und Mags geht mega auf in der Rolle.
Wie reagierten denn die Favoritinnen auf den Aussenseiterinnen-Sieg?
Gegenüber uns lassen sie sich nicht anmerken. Aber die waren teils schon eingeschnappt und eifersüchtig. Manchmal hört man auch, Mags habe einfach Glück gehabt. Und viele Fahrerinnen denken, «das hätte auch ich sein können, wenn ich in der Spitzengruppe gefahren wäre».
Vor zwei Jahren habe wir auch schon mit Rüegg gesprochen zum Saisonstart.
Spürst du auch einen anderen Umgang mit euch von der Konkurrenz?
Der Respekt wächst gegenüber unserem noch jungen Team. Wir sind auf diese Saison auch in die WorldTour (höchste Liga im Radsport, Anm. d. Red.) aufgestiegen und haben die Weltmeisterin und die Olympiasiegerin (Kristen Faulkner, Anm d. Red.) im Team.
Ebenfalls neu ist dein Velo. Ist es leichter als das von der UCI vorgeschriebene Mindestgewicht?
(schmunzelt) Das habe ich auch gedacht. Wir haben im Trainingslager noch darüber gesprochen. Aber mein Mechaniker hat mir nun versichert, dass es nicht zu leicht sei.
Fühlst du dich als kleine und leichte Athletin benachteiligt durch die Massnahmen der UCI?
Jein. Es ist okay, denn es geht um die Sicherheit. Unsere Körpergewichte sind so unterschiedlich, da spart man lieber da als bei den Velos.
Wie breit ist übrigens dein Lenker?
34 Zentimeter. Auch am Limit also.
Neu bremst und schaltet ihr mit SRAM statt Shimano. Merkst du das?
Es war tatsächlich eine Challenge und ich habe mich am Anfang häufig verschalten. Die Bremsen reagieren aber viel schneller und das Schalten geht super. Und wir haben eine grössere Bandbreite an Gängen. Die erste Etappe fahre ich beispielsweise nur mit einem 52er-Kettenblatt. Das war letzte Saison nicht möglich.
Nun zum Rennen. Du bist bekannt für deine gute Form anfangs Jahr. Was sagen die Zahlen im Januar 2026?
Bis jetzt sind sie recht gut. Ich habe den gleichen Aufbau absolviert wie vor einem Jahr und stehe auch etwa am gleichen Ort. Allerdings haben wir einen neuen Powermeter, das macht einen präzisen Vergleich schwieriger. Ich bin gespannt, für die Titelverteidigung muss einiges zusammenpassen, dieselbe Form alleine reicht nicht.
Setzt ihr alles auf die Titelverteidigung?
Ja, sicher. Etappensiege sind auch wieder ein grosses Ziel. Die ersten beiden Etappen kommen mir entgegen mit dem Sprint bergauf. Die dritte Etappe hat einen steileren Anstieg als letztes Jahr, da wird sich das Gesamtklassement entscheiden und ich muss einfach mitkommen. Hoffentlich habe ich schon einige Bonussekunden von den ersten beiden Etappen.
Hat sich deine Rolle im Vergleich zum Vorjahr nochmals verändert?
Wir haben schon 2025 alles fürs Gesamtklassement gegeben und auch dieses Jahr sind alle committed und stehen hinter mir. Ich bin aber nicht so die fordernde Fahrerin und hoffe, ich kann dem Team auch etwas zurückgeben. Und dann haben wir ja auch noch Mags. Sie ist zwar nicht auf einem Leistungspeak, aber in guter Form. Vielleicht fahren wir am dritten Tag dann auch für sie.
Wer sind eure grössten Konkurrentinnen?
Im Sprint Ally Wollaston (FDJ-Suez) und Emma Norsgaard Bjerg (Lidl-Trek). Lidl-Trek hat mit Amanda Spratt und Gaia Realini eh ein sehr starkes Team. Canyon-Sram-Zondacrypto mit Chloé Dygert und grundsätzlich das Team FDJ wollen sicher auch ums Gesamtklassement kämpfen.
Im Finale wird es dann schon recht zur Sache gehen.
Sind alle Fahrerinnen zum Saisonstart übermotiviert? Oder ist es mehr ein Abtasten am Anfang?
Normalerweise färbt die gelassenen Atmosphäre in Australien auch auf die Fahrerinnen ab, darum sind viele entspannt vor dem Start. Im Rennen wird dann aber einem nichts geschenkt. Wenn du aber erst beim Opening Weekend in Belgien in die Saison startest, ist das ein ganz anderes Feeling. In Australien sind die Strassen breit und es gibt wenig Hindernisse wie Verkehrsinseln. Da musst du nicht ab Kilometer null schon um jede Position kämpfen. Im Finale wird es dann schon recht zur Sache gehen.
Schauen wir noch kurz in die Zukunft. Nach Australien stehen Strade Bianche, Mailand–Sanremo und die Flandernrundfahrt an. Hast du da schon Ziele?
Definitiv. Die Saisonplanung ist ähnlich wie letztes Jahr. Ich konnte bei Strade gut mitfahren, das will ich schon gut abschneiden. Aber das grosse Ziel ist für Mailand–Sanremo in Topform zu sein und diese dann für die Flandernrundfahrt zu konservieren. Ich will überall ums Podest mitfahren und glaube auch, dass das möglich ist. Ich bin in guter Form, habe mehr Erfahrung und will nochmals einen Schritt vorwärts machen.
Du sprichst immer wieder deine gute Form an. Vor dem ersten Rennen ist der Vergleich mit der Konkurrenz aber schwierig. Vielleicht hat die ja viel grössere Fortschritte gemacht. Glaubst du, du schätzt dich richtig ein?
Ich habe das Gefühl, das Level ist hoch im Moment. Auch in meinem Team. Vorgestern hatten wir ein langes Training bei dem eigentlich easy Endurance auf dem Programm stand. Alle sind aber superschnell gefahren. Da hatte ich schon Zweifel an meiner Form. Glücklicherweise haben wir nach dem Training gemerkt, dass es allen so erging und haben abgemacht, dass wir es am nächsten Tag wirklich easy nehmen.