Eine Bühne für Huber

Das Jahr 2025 ist für Jan Huber die letzte Chance, doch noch Profivelofahrer zu werden. Davor hat er Dutzende Bewerbungen an Teams verschickt und nur Absagen erhalten. Niemand scheint ihn wahrzunehmen. Doch dann fährt der 20-Jährige so Velo, dass ihn niemand übersehen kann.

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Jan Huber wärmt sich im warmen Brunnen in Ennetbaden auf. Foto: Flavio Leone

Text: Simon Häring

Fotografie: Flavio Leone

Wer im tiefen Fricktal von der Ampfernhöhe nach Sulz AG hinunterfährt, wird am Dorfeingang von einem Gesicht begrüsst. Das Plakat zeigt keinen Politiker und auch nicht einen dieser austauschbaren, auf Hochglanz polierten Werbeköpfe, die Versicherungen oder Krankenkassen anpreisen. Es zeigt Velofahrer Jan Huber.

20 Jahre alt erst, ziemlich unschuldiger Blick, eine Silbermedaille um den Hals. «Herzliche Gratulation» steht auf dem Plakat. Huber wurde an der WM in Ruanda Zweiter im U23-Rennen. Bis vor wenigen Wochen kannten sie ihn hier vor allem als Sohn der Familie Huber,  Betreiberin des Velowerk Huber. Jetzt begrüsst er alle, die ins Dorf kommen.

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«Er ist zäh, kann sich quälen und ist keiner, der jammert.»

Martina Huber über ihren Sohn

Dabei, so sagt es seine Mutter Martina Huber, wäre es auch möglich gewesen, dass ihr Sohn heute gar nicht mehr fährt. Weil er jahrelang keine Chance erhielt, weil er unter dem Radar flog, weil nur wenige an ihn glaubten. Er war alleine in einem kleinen Team und hatte nur ein paar wenige, treue Unterstützer. Jetzt gilt er plötzlich als grösste Zukunftshoffnung im Schweizer Strassenradsport.

Wie konnte Jan Huber so lange übersehen werden?

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In der Werkstatt der Eltern lernte Jan Huber sein Handwerk. Foto: Flavio Leone

Ein Blick in sein Gesicht verrät, dass vielleicht alles zusammenhängt. Seine Züge sind weich, Kanten beginnen sich erst langsam abzuzeichnen. Solche Menschen werden gerne mal unterschätzt. Huber wirkt spitzbübisch und dennoch ernsthaft. Er hat markante Augenbrauen über den braunen Augen. Die Sommersprossen verblassen langsam, als würden die letzten Spuren der Jugend verschwinden. Vieles ist gerade neu für ihn, aufregend und erstmalig. «Interviews, Fotoshootings, das alles kannte ich vorher nicht», sagt er. Kürzlich musste er für einen Empfang im Pfarreisaal in Sulz Autogrammkarten anfertigen lassen, obwohl er geglaubt hatte, das sei übertrieben. «Unangenehm finde ich es nicht, dass Plakate von mir im Dorf hängen», sagt er und lässt sein schelmisches Lächeln aufblitzen. Huber hat erst eine vage Vorstellung davon, was für ein Potenzial in ihm steckt und was aus ihm noch alles werden kann. Was er aber weiss, seitdem er im Sommer 2024 seine Schreinerlehre beendet hat: Er will Veloprofi werden.

Jan Huber ist zurückhaltend, aber nicht schüchtern, entschlossen zwar, aber nicht fordernd. In einer Welt, in der man gelegentlich die Ellbogen ausfahren und sich Gehör verschaffen muss, ist das nicht immer ein Vorteil. Vor allem, wenn man wie er keinem grossen Team und keinem Kader angehört.

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Die jugendlichen Sommersprossen verblassen langsamim Gesicht des 20-jährigen Jan Huber. Foto: Flavio Leone

Auch darum reist er Anfang Jahr alleine für zwei Monate in die spanische Kleinstadt Calpe an der südlichen Costa Blanca, um zu trainieren. 2025 ist wohl seine letzte Chance, doch noch einen Vertrag als Profi zu bekommen. Auch deshalb fährt Huber seit diesem Jahr nur noch auf der Strasse und nicht mehr Mountainbike wie seine ältere Schwester Lea, die im Weltcup Fuss gefasst hat. Jans jüngere Schwester Anja hat sich dem Thaiboxen verschrieben.

Es ist Ende Oktober, es regnet unaufhörlich, während drinnen im Velowerk Huber in Sulz Jan Huber über die vergangenen Monate sinniert: «Dass es so gut laufen würde, hätte ich nicht erwartet.» Hier, bei den Eltern, arbeitet er als Velomechaniker, wenn er nicht trainiert. Vater Urs, früher selbst ambitionierter Fahrer, schraubt an Velos, Mutter Martina erledigt Büroarbeiten. Zu Jans Stärken sagt sie: «Er ist zäh, kann sich quälen und ist keiner, der jammert.» Und auch keiner, der schnell aufgibt. Das habe sich auch in der Lehre gezeigt.

10, maximal 15 Stunden pro Woche konnte er während dieser vier Jahre trainieren. Gewisse Konkurrenten, vor allem jene im Ausland, verbringen in diesem Alter doppelt so viel Zeit im Sattel. Vielleicht noch so ein Grund, weshalb Jan Huber lange übersehen wurde.

Dabei kann er schon auf sich aufmerksam machen. Zum Beispiel, als er im Herbst 2025 Jay Thomson kontaktiert. Der Südafrikaner war früher Profi. Nun berät der 39-Jährige in seiner Freizeit junge Fahrer, plant Trainings und steht ihnen als Mentor bei. Huber habe ihn «aus dem Nichts» kontaktiert und ihn danach bei sich zuhause besucht, erzählt Thomson. «Ein sehr anständiger, ruhiger, junger Mann mit einem grossen Traum», erinnert er sich an die erste Begegnung. Schnell ist klar: Zwischen den beiden passt es. Und schnell sind auch die Defizite identifiziert. «Jan ist zu wenige Rennen gefahren. Wenn du das nicht machst, sieht dich keiner. Du musst auf dich aufmerksam machen. So ist das im Sport und im Leben», sagt Thomson.

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Jan Huber wurde lange übersehen. Nun sind viele Augen auf ihn gerichtet.

Huber braucht ein Team. Denn ohne Team keine Rennen. Ohne Rennen keine Resultate. Und ohne Resultate keine Zukunft im Radsport. Also tut Huber, was viele tun, wenn sie ins Berufsleben einsteigen möchten: Er schreibt Bewerbungen, vor allem an kleine Equipen. Nicht eine, nicht zwei, sondern Dutzende. Doch er erhält nur Absagen. «Viele antworteten überhaupt nicht», sagt Huber. Ihm bleibt nur eines: Mit guten Resultaten auf sich aufmerksam machen.

Anfang Jahr hilft der Zufall. Huber fährt beim Mémorial Jean Luisier in Martigny VS, als seine Mutter Martina Huber mit Dany Hirs ins Gespräch kommt, dem Organisator des Swiss Test Day des Schweizer Teams Tudor, auf den sich jeweils mehrere Hundert Talente melden. Es geht dabei zunächst gar nicht um das Rennen, das Huber auf dem beachtlichen 6. Rang beendet. Sondern um Weinbau. Die Hubers haben Reben, Hirs interessiert sich dafür. Irgendwann fragt Hirs, für welchen Fahrer sie im Wallis sei. Martina Huber sagt, dass der Fahrer in der Spitzengruppe ihr Sohn Jan sei.

Einen Monat später, Anfang Mai, gewinnt Huber den GP Filona in Niederwil AG mit über einer Minute Vorsprung. Am Wochenende darauf fährt er bei der Berner Rundfahrt auf den fünften Rang. Gute Referenzen für ein Aufgebot für internationale Rennen, glaubt er. Doch wieder passiert: nichts.

Also setzt sich Huber an den Computer und schreibt eine E-Mail an Michael Schär. Der 39-Jährige war 18 Jahre lang Profi und ist seit Anfang Jahr als Schweizer Nationaltrainer auch für die U23-Fahrer verantwortlich. Hubers Hartnäckigkeit zahlt sich aus, auch wenn Schär sagt, er habe Huber zuvor schon auf dem Radar gehabt. Drei Tage später bietet er ihn für den Grossen Preis des Kantons Aargau auf, den GP Gippingen. «Er hat sich enorm gefreut über die Selektion», erzählt Schär. Huber sagt: «Bisher kannte ich Stefan Küng, Jan Christen oder Stefan Bissegger nur aus dem Fernsehen, nun durfte ich mit ihnen fahren.»

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Foto: Flavio Leone

Während Schweizer Profis wie Simon Pellaud oder Johan Jacobs im Verlauf des 173.8 Kilometer langen Rennens mit seinen knapp 3000 Höhenmetern irgendwann zurückfallen, fährt Huber mit, als hätte er nie etwas Anderes getan. Er versteckt sich so gut im Feld, dass ihn selbst Schär und seine Kollegen zuweilen aus den Augen verlieren. «Wir haben ihn das ganze Rennen hindurch nicht gesehen.» Am Funk etabliert sich gar ein Running Gag. Die Funktionäre funken sich regelmässig zu und fragen: «Wo ist Büne Huber?» Der Vergleich zum mitteilsamen Berner Musiker will nur schlecht passen. Das sagt auch Schär: «Jan ist ein ruhiger, angenehmer Typ, der von allen geschätzt wird.» Er lege eine bemerkenswerte Gelassenheit an den Tag. Ihn bringe nichts aus der Ruhe.

Beim GP Gippingen ist es seine Aufgabe, die zweitletzte Ablösung zu fahren, ehe Stefan Küng den Angriff von Captain Jan Christen lanciert. Huber erfüllt sie als Neuling, den keiner im Team kannte, tadellos und klassiert sich auf Rang 40, Captain Christen wird Dritter. Huber räumt damit auch bei Schär die letzten Zweifel aus. «Für mich war danach klar: Jan fährt die Tour de l’Avenir.»

«Wenn er alles richtig macht, keine Verletzungen hat, dann wird er Profi.»

Mentor Jay Thomson über Jan Huber

Die einwöchige Rundfahrt in Frankreich ist das bedeutendste Nachwuchsrennen und für die Teams eine Art Brautschau. Für Jan Huber ist das die bisher grösste Bühne. Auch hier überrascht er alle. Er wird im Gesamtklassement Elfter. Als Einzelkämpfer habe Huber gelernt, das Rennen zu lesen, sagt Schär. «Er war immer gut positioniert, immer am richtigen Ort, fährt enorm schlau.»

Kurz zuvor hatte Huber bei den Schweizer Meisterschaften sowohl im Zeitfahren (dem ersten in seiner Karriere überhaupt) als auch im Strassenrennen der U23 Bronze gewonnen und sich damit für die Weltmeisterschaften in Ruandas Hauptstadt Kigali beworben.

Er wird nun längst nicht mehr übersehen, im Gegenteil. Zahlreiche Teams wollen ihn unter Vertrag nehmen. Doch sie kommen zu spät. Huber, das wird erst im Herbst bekannt, hat bereits bei Tudor unterschrieben. Im Sommer hatte er bei einem Leistungstest und in Gesprächen überzeugt.

Jay Thomson, bis vor ein paar Monaten noch selber Coach bei Tudor, spricht von einer «perfekten Lösung» und sagt: «Als Schweizer hast du in einem Schweizer Team bessere Chancen, zu wachsen.» Für Huber gehe es im kommenden Jahr nun darum, nicht 20, sondern bis zu 60 Renntage zu absolvieren. Thomson spricht von einem Lehrjahr und mahnt zur Geduld: «Wenn er alles richtig macht, keine Verletzungen hat, dann wird er Profi. Er ist gut genug. Das Talent ist da.

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Foto: Flavio Leone

Davon bin ich überzeugt.» Ähnlich sieht es Michael Schär. In Sachen Technik, Taktik und VO2max, der maximalen Sauerstoffaufnahme, sei Huber ein ziemlicher kompletter Fahrer. Entwickeln müsse er sich noch im Zeitfahren, und vor allem: Erfahrung sammeln. Er könne zu einem Fahrertyp reifen, der in der Schweiz derzeit fehle: ein Spezialist für Rundfahrten.

Ende September beim WM-Rennen in Kigali fügt sich alles zusammen, worüber Schär und Thomson so schwärmen. Die Bedingungen liegen Huber: Eine 164 Kilo-meter lange Strecke, 3700 Höhenmeter, dazu tropisches Klima. Schon am Start spürt Huber: «Ich habe sehr gute Beine.» Erst fährt er eine Lücke zum 18-jährigen Ausnahmetalent Lorenzo Finn zu und hält danach als Einziger dessen Hinterrad. Erst 6.5 Kilometer vor dem Ziel setzt sich der Italiener ab. Gold für Finn war erwartbar, Silber für Huber ist eine Überraschung.

Wenn er nun nach der Trainingsfahrt nach Hause fährt, von der Ampfernhöhe hinunter nach Sulz, dann hängt dort ein Plakat von ihm. Es ist nicht riesig, aber gross genug, um aufzufallen. Nun schauen viele auf Jan Huber. Jetzt zählt, was er daraus macht.

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