Punktewunder Astana
Der Radsport ist eine Zweiklassengesellschaft. Wer fix an den lukrativsten Rennen mitfahren will, braucht eine WorldTour-Lizenz. Diese wird alle drei Jahre erteilt. Es kriegt sie nur, wer in den Rennen genügend Punkte sammelt. Welche kreativen Wege die Teams dabei gehen, zeigt das Team XDS-Astana, das dafür extra einen Datenspezialisten angestellt hat.
Text: Laurent Aeberli
Illustration: Carsten Güth
Die Saison 2024 neigte sich ihrem Ende zu, als die Chefs des Teams Astana feststellten: Wir haben ein Problem. Um in der WorldTour zu bleiben, der obersten Liga im Radsport, fehlten 4717 zusätzliche Punkte. Somit mussten die Fahrer des vom kasachischen Staat finanzierten Teams in den nächsten zwölf Monaten eindeutig mehr Punkte einfahren als die 6561, die sie 2024 gesammelt hatten. Sie brauchten also einen Plan.
Um die missliche Lage des Teams zu verstehen, ein kleiner Exkurs: «In der UCI WorldTour treten mehrere hochkarätige professionelle Männer-Radsportteams mit UCI WorldTour-Lizenzen in einer Reihe von hochkarätigen Strassenrennen an», so steht es formalistisch im Reglement des Weltradsport-verbands UCI. Übersetzt heisst das: Wer sicher zu den wichtigsten Rennen eingeladen werden will, muss unter den 18 besten Teams sein – und Astana befindet sich Ende 2024 auf dem 21. Platz. Dabei geht es um viel Geld, denn wichtige Rennen bedeuten viel Aufmerksamkeit und TV-Präsenz.
Die WorldTour-Lizenzen werden für einen Zyklus von drei Jahren erteilt. In dieser Zeit muss man bei den Rennen genügend Punkte sammeln. Je nach Bedeutung eines Rennens gibt es mehr oder weniger Punkte zu gewinnen. Der Gesamtsieger der Tour de France als wichtigster Rundfahrt erhält 1300 Punkte, bei den renommiertesten Eintagesrennen wie etwa Paris–Roubaix sind es 800 und bei kleineren Rundfahrten wie der Tour de Suisse noch 500 Punkte. Aber nicht nur der Gesamtsieg zahlt sich aus. Punkte gibt es jeweils für die 60 schnellsten Fahrer in der Endabrechnung. Bei den Rundfahrten gibt es zusätzlich auf jeder einzelnen Etappe Zähler zu gewinnen, für den Sieger zwischen 40 und 210. Berücksichtigt werden die ersten 15 beziehungsweise 10 Fahrer. Ebenfalls erhält der tägliche Leader im Gesamtklassement Punkte. Bei den Grands Tours (Tour, Vuelta, Giro) gibt es am Ende für die Berg- oder Sprintwertung noch Punkte aufs Konto der drei Besten. Am Ende jeder Saison werden die Punkte der 20 erfolgreichsten Fahrer pro Team addiert und fliessen in die Dreijahreswertung.
Zurück zu Astana. Ende der Saison 2024 lag das Team also auf dem 21. Platz der Weltrangliste. Um im letzten Jahr der Dreijahreswertung noch genügend Punkte zu sammeln, wurde die Hälfte der Fahrer ausgetauscht. Ausserdem stieg der chinesische Velohersteller XDS als Ausrüster und Sponsor mit ein. Aber das allein reichte nicht. Es musste ein klarer Plan her, wie die Punkte eingefahren werden können. Federführend waren dafür nicht nur die 13 sportlichen Leiter um den griechischen Performance-Chef Vasilis Anastopoulos, welche die Renntaktik festlegen, sondern auch der Franzose Morgan Saussine.
Der 34-Jährige hatte seit über zehn Jahren als Datenanalyst in der Finanzbranche gearbeitet, zuletzt in Genf bei der Bank J. Safra Sarasin. Angesichts des drohenden Abstiegs aus der höchsten Liga des Radsports sollte er nun ausrechnen, wie das Team möglichst viele Punkte sammeln kann, sagt Saussine rückblickend in einem Videoanruf. Der Datenspezialist kommt nicht wie ein typischer Banker daher. Er sieht aus wie der verstorbene italienische Veloprofi Marco Pantani mit Haaren. Er erklärt, wie er Rennen aussuchte, bei denen viele Punkte vergeben werden und er ein eher schwaches Starterfeld erwartete. Dabei sollten nicht mehr Siege das oberste Ziel sein, sondern, möglichst viele Fahrer in die Punkteränge zu bringen. «Es war ein riskanter Plan, aber alle standen dahinter», ergänzt Anastopoulos, bald 50 Jahre alt, Dreitagebart, nach hinten geföhnte Haare. «Die Fahrer kannten so schon im Dezember-Trainingscamp ihren gesamten Rennkalender fürs nächste Jahr.» Und dieser hatte es in sich. Hatte Astana 2024 noch an 281 Tagen Fahrer zu Rennen geschickt, waren es 2025 insgesamt 320. Nicola Conci hält den Rekord: Der Italiener musste sich zwischen dem 18. Januar und dem 19. Oktober an 89 Renntagen beweisen, also jeden dritten Tag.
Um die Fahrer optimal auf die Rennen zu verteilen, verlangte Anastopoulos von Saussine Analysen aller 30 Fahrer des Teams. Er wollte beispielsweise wissen, welcher Fahrer auf welchem Kontinent in welcher Phase der Saison am besten performen könnte – basierend auf den Leistungen der vergangenen Jahre. Nach Trainings-Sessions schickte Anastopoulos die gesammelten Daten der Fahrer an Saussine mit Fragen wie: Wer sind die besten Helfer für unseren Sprinter? Auch die Streckenprofile und -charakteristika der Rennen flossen durch Saussines Rechner. Allzu viel will der Franzose im Gespräch über seine Methoden nicht verraten – mittlerweile arbeite fast jedes Team mit Datenspezialisten. Daten und Modelle würden immer wichtiger für den Erfolg der Teams.
XDS-Astana legte 2025 sofort erfolgreich los. «Das hat dem Team zusätzlichen Schub verliehen», sagt Anastopoulos. Während sich andere Teams im Baskenland oder bei den Ardennenklassikern in hochdotierten Pelotons verausgabten, schickte das kasachische Team seine besten Fahrer an weniger bedeutende Rennen wie die Türkei-Rundfahrt. Dort habe das Team in einer Woche über 1000 Punkte geholt, erzählt Anastopoulos stolz. Vier der sieben Etappen gewann das Team, im Gesamtklassement belegte es am Ende die ersten beiden Ränge. Zur Erinnerung: Der Gesamtsieg bei der Tour de France ist 1300 Punkte wert.
Im Laufe der Saison gingen die Analysen des französischen Zahlenmagiers Saussine weiter. Er ging dabei manchmal gar so sehr ins Detail, dass er die Leistungsdaten der Fahrer mit dem Profil einzelner Anstiege abglich, um herauszufinden, welcher Fahrer bei welchem Rennen möglichst gute Resultate erzielen könnte. Dazu sagt der griechische Performance-Chef Anastopoulos: «Früher hätten mich solche Dinge drei Tage Arbeit gekostet, Morgan Saussine liefert mir schon nach einer halben Stunde die Analyse.»
Saussine optimierte die Astana-Equipe nicht nur bei der Planung der Rennen. Der Franzose ist die Konstante: Ob bei der Analyse der Effizienz des Zone-1-Trainings, also Ausfahrten mit sehr geringer Intensität, oder bei der Findung der maximalen Energieaufnahme. Wie muss man sich das vorstellen? Werden die Fahrer mit Gels vollgestopft und dann wartet man, bis sie aufs WC müssen? «Ja, in etwas so», schmunzelt Anastopoulos.
Nun, im November 2025 ist es geschafft – das Team XDS-Astana liegt in der Endabrechnung auf Rang 15 und fährt auch die nächsten drei Jahre wieder bei der WorldTour mit. Nur die Teams UAE, Visma-Lease a Bike und Lidl-Trek holten 2025 mehr Punkte. «Es lief sogar noch besser, als wir gedacht hatten», offenbart Anastopoulos nach 16716 statt wie im Vorjahr 6561 gewonnenen Punkten. Und wie geht es jetzt weiter? «Zuerst eine gute Feier», sagt der Performance-Chef. Dann folgt der nächste Plan.
Ranking 2023–2025
1. UAE-Emirates-XRG2. Visma-Lease a Bike3. Lidl-Trek4. Soudal-Quickstep
5. Ineos Grenadiers
6. RedBull-Bora-Hansgrohe
7. Alpecin-Deceuninck
8. Decathlon-AG2R
19. Bahrain Victorious
10. Groupama-FDJ
11. EF Education-Easypost
12. Lotto
13. Israel-Premier Tech
14. Movistar
15. XDS-Astana
16. Jayco-AlUla
17. Picnic-PostNL
18. Intermarché-Wanty
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19. UnoX-Mobility
20. Cofidis
21. Arkéa-B&B Hotels
22. Tudor
23. TotalEnergies
24. Q36.5
Die Teams Cofidis und Arkéa-B&B Hotels sind aus dem Kreis der 18 WorldTour-Teams gefallen. Stattdessen holten die zweitklassigen ProTour-Teams Israel-Premier Tech und Lotto in den vergangenen drei Jahren genügend Punkte. Im Hin-blick auf die nächste Saison ziehen sich aber mehrere Teams zurück: Lotto und Intermarché-Wanty fusionieren. Damit wird ein Platz frei, der an UnoX-Mobility geht. Arkéa-B&B Hotels dürfte sich auflösen, weil die Sponsoren nicht weiter zahlen. Damit kämen Cofidis, das Schweizer Team Tudor sowie TotalEnergies als die drei nächsbestplatzierten Teams in den Genuss von Wildcards für die grossen Rundfahrten.