Einem Traum auf der Spur

Dylan Longridge fand einst auf dem Velo Gefallen am Rennfahren. Nun will er an die Olympischen Winterspiele: auf Langlaufski und für seine zweite Heimat Irland. Die Geschichte eines echten Amateurs, der an sich glaubt.

7-_GRU6571-2-2-Edit-2
Diese Bretter könnten die Welt bedeuten: Dylan Longridge trainiert auf den Loipen von Davos. Foto: Timon Flükiger

Es ist kein Zufall, dass Dylan Longridge den alten Fiat Panda an einer abschüssigen Strasse parkiert hat. Die Batterie liegt in den letzten Zügen. Die Handbremse ächzt beim Lösen. Dann rollt das Auto geräuschlos den Hang hinunter auf die Kreuzung zu. Erst jetzt dreht er den Zündschlüssel. Der Anlasser kratzt und keucht eine gefühlte Ewigkeit, bevor der Motor gerade noch rechtzeitig anspringt. «Sweet!», sagt Longridge und lächelt.

Die Freude in seinem Gesicht hat nicht nur damit zu tun, dass er hier unweit des Bahnhofs Davos Dorf dem uralten Auto eine weitere Fahrt abgerungen hat. Es scheint an jenem Dienstagmittag im März 2025 so, als könnte sein Plan entgegen aller Wahrscheinlichkeit aufgehen. Der Amateursportler will an den Olympischen Winterspielen 2026 in Mailand und Cortina d’Ampezzo teilnehmen.

1-_GRU5985
Er wechselt zwischen Getümmel und Abgeschiedenheit. Foto: Timon Flükiger

Nach kurzer Fahrt bergauf hält er vor einem alten Holzhaus. Hier lebt der unterdessen 36-jährige Zürcher seit gut einem Jahr. «Achtung, Kopf einziehen», sagt er, als wir eintreten. Durch einen Türrahmen, über dem die Jahreszahl 1635 eingeschnitzt ist, sieht man in eine holzgetäferte Stube mit Kachelofen. Longridge quetscht sich kurz darauf in einen hautengen, grün-weiss-orangen Ganzkörperanzug, schlüpft in die Schuhe, zieht sich Handschuhe über, nimmt vor dem Haus Langlaufski und Stöcke unter den Arm und überquert zu Fuss die alte Passstrasse. Auf der anderen Strassenseite klickt er die Schuhe in die Ski und fährt die letzten Meter das steile Bord hinunter bis zur Loipe.

Hier in Davos finden Leistungssportler:innen ideale Trainings-bedingungen vor: Die Langlaufloipen sind von Ende Oktober bis Ende März geöffnet. Doch Longridge war bis vor rund zweieinhalb Jahren noch kein Leistungssportler. Wenn er an Wettkämpfen teilnahm, dann mit dem Velo. Er startete im Sommer an den Mittwochabendrennen in Brugg AG und am Zuricrit, im Winter sah man ihn beim Radquer in Steinmaur ZH oder Mettmenstetten ZH. Er fuhr dort ambitioniert in der Masterkategorie.

60-_GRU9223
Pflichttermin für Longridge: Zuricrit im Zürcher Kreis 4. Foto: Timon Flükiger

Der Spurwechsel vom Velorundkurs in den Schnee geht auf einen Fussballabend im Basler St.-Jakob-Park zurück. Dazu muss man wissen, dass Longridge väterlicherseits aus einer sehr sportlichen nordirischen Familie stammt. Zwei seiner Cousins sind nördlich des Ärmelkanals ehemalige Fussballstars. 2017 qualifizierte sich die Schweizer Nationalmannschaft dank eines umstrittenen Hands-Penaltys in Belfast gegen Nord-irland für die WM in Russland. Der unglückliche Verteidiger war Longridges Cousin Corry Evans, der bis vor Kurzem zusammen mit seinem Bruder Jonny Evans für Nordirland spielte. Longridge verfolgte das Rückspiel im Stadion zusammen mit den Eltern der Evans-Brüder und einem weiteren Cousin. Beim Znacht nach dem Spiel kam die Frage auf, was Longridge tun könnte, um seine zweite Heimat sportlich zu repräsentieren. Man einigte sich auf Langlauf. Der Sport gilt als attraktiv, um an Olympischen Spielen teilzunehmen, weil verhältnismässig viele Quotenplätze vergeben werden. Zudem hatte Longridge darin schon Erfahrung.

«Ich war euphorisch, doch bald realisierte ich, dass die Zeit bis Pyeongchang 2018 zu knapp war», sagt Longridge. Die Idee rückte für die nächsten fünf Jahre in den Hintergrund. Longridge, der an der ETH Geophysik studiert hatte, wanderte fürs Surfen und ein Praktikum nach Neuseeland aus, suchte in Australien beruflich nach Gold und nach Blindgängern, flog für Ferien zu einem Freund nach Los Angeles, durfte wegen Corona nicht mehr zurück nach Australien, umrundete England im Segelschiff und zog fürs Käsen einen Sommer lang auf eine Berner Alp.

«Das Schwierigste war, ihm beizubringen, dass er nicht mehr so viel Velo fahren darf.»

Philippe Nicollier, Langlauf-Trainer

Im Februar 2023 war Longridge unterdessen Vize-Geschäftsleiter in einer Umweltmesstechnikfirma geworden. Dort traf er Philippe Nicollier und erzählte ihm von der Langlauf-Idee. Der 31-jährige Walliser ist passionierter Langläufer. Fürs Junioren-Nationalkader hatte es knapp nicht gereicht, also ging er seiner Leidenschaft neben dem Studium im Schweizerischen Akademischen Skiclub nach, wo er zuletzt die Abteilung Langlauf leitete und dort Erfahrung im Coaching sammelte. Longridges Plan, für Irland an die Olympischen Winterspiele zu fahren, sah er zuerst kritisch. Man kennt die Geschichte der jamaikanischen Bobmannschaft und hört immer wieder von Leuten, die dank Doppelbürgerschaften für Länder an Winterspiele fahren, in denen noch nie Schnee lag.

29-_GRU7835
Schieb das Gruppetto an und löse ein Abo!
Zu den Abos

Doch bei Longridge war es anders. «Ich fand das Projekt aus sportlicher Sicht interessant, weil ich es für möglich hielt, aus Dylan innerhalb der drei Jahre einen echten Athleten zu machen», sagt Nicollier. Darum beschloss er, ihn als Trainer zu unterstützen. Heute stehen sie fast täglich in Kontakt, sprechen über Trainingspläne oder das richtige Skiwachs. Und sie sprechen über FIS-Punkte. Denn diese sind der Schlüssel zur Olympia-Qualifikation. Gemäss dem Reglement des Internationalen Skiverbands FIS wird jedes Rennresultat in Punkte umgerechnet. Es gilt: Je weniger Punkte, desto besser. Je stärker die Konkurrenz ist, die man in einem Rennen hinter sich lässt, desto tiefer der Wert, den man bekommt. Die aktuelle Nummer 1, der Norweger Johannes Klæbo, hat null Punkte.

32-_GRU7858
Nicht so treuer Begleiter: Longridge versucht seinen Panda zu starten. Foto: Timon Flükiger

Zum ersten Mal im FIS-Ranking tauchte Longridge am 2. Dezember 2023 auf. Bei einem Rennen über 10 Kilometer Freistil lief er auf Platz 99 und kam damit auf 262-FIS-Punkte. Das war ein guter Start, denn um für die Winterspiele in Frage zu kommen, müssen seine Punkte durchschnittlich über eine längere Zeit unter 300 liegen. Ganz so einfach, wie es nach dem ersten Rennen aussah, war die Sache aber nicht. Eine Woche später setzte es bei zwei Rennen im Goms im Wallis 450 und 500 Punkte ab.

Auf Ende Februar 2024 kündigte Longridge seinen Job in Zürich. Fortan führte der Single ein Leben, das dem eines Profisportlers ziemlich nahe kommt. Er lebt von Erspartem und gelegentlichen Aufträgen, trainiert unter der Woche und startet an den Wochenenden bei Rennen in der Schweiz, Deutschland und Italien. Im türkischen Gerede fuhr er im Februar 2024 zum ersten Mal unter die besten zehn – 200 FIS-Punkte.

38-_GRU8759
Langlauf statt Langstrasse. Longridge gab alles für die Olympia-Qualifikation. Foto: Timon Flükiger

Kurz darauf meldete er sich bei Thomas Maloney Westgård. Wer konnte ihm besser weiterhelfen als der 30-jährige Langläufer, der in Norwegen lebt, aber für Irland an Weltcups und Weltmeisterschaften startet? Es war nicht das erste Mal, dass Maloney eine solche Anfrage erhielt. Immer wieder mal melden sich Auslands-Iren mit mal besseren, mal schlechteren Langlaufkenntnissen. Er tat, was er in solchen Fällen immer tut: Er verwies Longridge an den irischen Skiverband. Nicht im Traum hätte er damals gedacht, dass er sich nur ein knappes Jahr später mit Longridge und anderen Langläufern in einem beheizten Holztrog voll warmen Wassers wiederfinden würde. Longridge lud im Dezember 2024 nach einem Weltcup-Rennen in Davos einige Athleten zu sich nach Hause ein. Nach dem Essen entspannten sie sich im Hot Tub hinter dem Haus. Zu diesem Zeitpunkt waren Longridge und Maloney bereits Freunde.

Im März 2025 färbten sich die beiden bei den Langlauf-Weltmeisterschaften aus Jux vor dem Start im Teamsprint die Haare blond. Sportlich ging es für beide um nichts mehr. In den Tagen zuvor hatte Longridge aber darum gekämpft, sich für die Hauptläufe zu qualifizieren. Dazu musste er sich über 7.5 Kilometer Klassisch beweisen. Vor dem Rennen hoffte er im Telefongespräch noch auf einen Platz in den ersten zehn. Nach dem Rennen schreibt er auf Whatsapp: «Ich habe alles gegeben, hatte aber nicht den besten Tag.» Mit dem 47. Platz verpasste er die Qualifikation. Eine Woche später startete Longridge im französischen Prémanon. 10 Kilometer Klassisch, Platz 69 und vor allem starke 289 Punkte. Dann schmolz der Schnee und für Longridge begann eine heikle Phase.

Mehr Geschichten aus dem Gruppetto

Nicollier, sein Trainer, sagt: «Das Schwierigste war, Longridge beizubringen, dass er nicht mehr so viel Velo fahren kann. Wenn sich im Sommer alle Kollegen  aufs Velo setzen, muss man auf die Rollski, damit man die Form auch über den Sommer behält.» Natürlich weiss er, dass es keinen Sinn ergibt, Longridge das Velofahren zu verbieten. Schliesslich erwachte sein sportlicher Ehrgeiz, als er im Velosattel sass. Während seines ETH-Studiums war er Teil der Zürimumus, einer Mischung aus Freundeskreis und Racing-Team. «Anfangs interessierte mich das Rennfahren gar nicht. Der Konkurrenzkampf lag mir fern», sagt Longridge. Doch er ging mit an die Rennen und leckte Blut. Die Gruppe trägt in Belgien jährlich eine interne Flandern-Rundfahrt aus. Dieses Jahr gewann Longridge sie zum zweiten Mal. «Ich hatte etwas Glück, aber ich merkte schon, wie mich das Langlauftraining auf ein neues Niveau bringt», sagt er.

4-_GRU6197
Dylan Longridge meint es ernst: Der ambitionierte Amateur-Velofahrer hat seinen Job in Zürich gekündigt und ist nach Davos gezogen. Dort findet er im Winter perfekte Bedingungen vor, um für einen Traum zu trainieren: Der schweizerisch-irische Doppelbürger will für Irland an den Olympischen Winterspielen in Mailand und Cortina d’Ampezzo teilnehmen. Foto: Timon Flükiger

Das Zuricrit ist für Longridge ein Pflichttermin, schliesslich wurde das Fixed-Gear-Rundenrennen von Mitgliedern der Zürimumus ins Leben gerufen. Während das Leben in seiner Davoser Berghütte auch mal einsam ist, bewegt sich Longridge am Zuricrit wie ein Fisch im Wasser. Nach einer Nacht in einem WG-Zimmer unweit des Renngeländes fährt er mit zwei Velos an den Start, wo seine Freunde vom Zuricrit-Racing-Team schon auf ihn warten. Wenig später steht er mit ernstem Gesichtsausdruck in der zweiten Reihe hinter der Startlinie. Fünfter zu werden, sei sein Ziel, hat er kurz vorher noch gesagt. Ein Speaker zählt die Sekunden runter, dann geht es los. Die Fahrer beugen sich weit über die Lenker, sprinten mit aller Kraft bis zur ersten Kurve. In der zweiten Runde liegt Longridge auf Platz 16. Doch mit jeder Runde macht er Plätze gut, zur Rennhälfte ist er schon auf Platz 12. In der letzten Runde liegt er auf Platz 6.

«Ich zeigte ihm, wie man bergab fährt, er mir, wie man geniesst.»

Thomas Maloney Westgård, Langlauf-Profi

Er verpasst sein Ziel zwar knapp, qualifiziert sich aber locker für den Final. Beim Ausfahren auf der Rolle wirkt er zufrieden. Aufs Langlaufen angesprochen, zeigt er sich zuversichtlich. Gerade sieht alles sehr positiv aus. Die Iren dürfen neben dem gesetzten Maloney Westgård einen weiteren Langläufer schicken, und niemand Anderes macht Longridge den Platz streitig. Doch der irische Verband habe ihm unterdessen eine klare Ansage gemacht, sagt Longridge. Wenn er seine Punkte auf 170 runterbringt, bekommt er das Aufgebot, wenn nicht, verzichten die Iren sehr wahrscheinlich auf einen zweiten Langläufer. «Das wird nicht leicht, aber es ist machbar», sagt Longridge, während ihm auf der Rolle der Schweiss von der Stirne tropft. Diese Selbsteinschätzung teilen Langlauf-Expert:innen durchaus. Rafael Ratti ist bei Swiss Ski Disziplinenverantwortlicher für Langlauf. Er kennt Longridge nicht näher, aber aufgrund der Resultate sagt er: «Natürlich wird es sehr eng. Aber wenn er sich so steigert wie bisher, könnte es mit etwas Wettkampfglück klappen.»

2-_GRU6090
Komm ins Gruppetto!

Bei uns ist es warm und es gibt immer mal wieder einen guten Kaffee.

Zu den Abos

Am Zuricrit tritt Longridge ein paar Stunden später gegen ein paar der besten Schweizer Velofahrer an. Er lächelt und sagt. «Mir gefällt es einfach, mich mit den Schnellsten zu messen, auch wenn ich dabei Letzter werde.» Im Rennen schlägt er sich gut, fällt zwar zurück, führt aber lange eine Verfolgergruppe an. Erst zwei Runden vor Schluss wird er überrundet. Was ist, wenn es mit seinem Langlauftraum gleich läuft? Grosser Kampf und dann die Ernüchterung kurz vor dem Ziel?

Longridge lächelt jetzt wieder, wie damals am Steuer des Fiat Panda in Davos. Da ist sie wieder, diese Zuversicht, dass der Motor schon noch rechtzeitig vor der Kreuzung anspringen wird. «Und wenn es nicht klappt, ist es halt so. Für all die sweeten Begegnungen, für all die neuen Freundschaften, hat es sich sowieso schon mehr als gelohnt.»

tracking pixel

Das könnte dich auch interessieren

Kommentare