Runde um Runde zurück ins Rampenlicht

Bahnradsport geniesst in der Schweiz kaum Ansehen. Er ist schwer zugänglich, die Besten wechseln auf die Strasse und der Nachwuchs fehlt. Doch Michelle Andres und Aline Seitz brachten die Schweizer Frauen zurück an die Olympischen Spiele.

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Der Aufwand für Aline Seitz (links) und Michelle Andres ist gross: viele Trainings auf der Bahn, individuelle Kraft- und Intervalltrainings von zuhause aus, zahlreiche Rennen auf der ganzen Welt. Der finanzielle Ertrag dafür ist bescheiden, deshalb arbeiten beide noch in Nebenjobs. Dennoch sagt Seitz: «Es ist ein riesiges Privileg, jeden Tag Velo zu fahren und das zu tun, wofür wir brennen.» Foto: Mirjam Kluka

Text: Nuria Langenkamp

Fotografie: Mirjam Kluka

Dieser Artikel erschien bereits im Gruppetto Magazin #4/24. Aufgrund der aktuellen Erfolge an der Bahn-EM zeigen wir ihn hier nochmals an prominenter Stelle.

Aline Seitz und Michelle Andres lachen – ein herzliches, ansteckendes und doch erschöpftes Lachen. Gerade haben sie ein Bahnrad-Training im Velodrome in Grenchen hinter sich gebracht. Intervall stand an, «Hassliebe» nennen sie es. Etwa 800 Watt drücken sie und fahren auf der Holzbahn hinter dem Roller her. «Allez! Jusqu’au bout!», ruft Trainer Morgan Kneisky. Nach zweieinhalb Runden und etwa 45 Sekunden erlöst sie die Roller-Hupe.

Das Gesicht noch etwas rot, der Helm-Abdruck auf der Stirn schon verschwunden, betreten Seitz und Andres die Kantine. Grosszügig schöpfen sie sich am Mittagsbuffet Reis und Gemüse. Am Tisch hingesetzt, erzählen die beiden von ihrem Sport und ihrem Leben – etwas, das sie nicht auseinanderhalten können. Seitz und Andres fahren beide im Schweizer Bahnrad-Kader. Ihr Velo hat nur einen Gang und keine Bremsen, und es wirkt fast so schmal wie die Linie, auf der sie Runden fahren. Die schnellste Linie ist 250 Meter lang. Insgesamt fahren sie bis zu 70 Stundenkilometer. Der Lenker von Aline Seitz ist maximal eng. Eine Spezialanfertigung von 27 Zentimetern, die 1400 Franken kostet.

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«Wow, die sehen ja aus wie ich – kräftig und muskulös.»

Aline Seitz

Im Bahnradsport variiert das Ziel je nach Disziplin. Meistens gilt es, Geschwindigkeit, Ausdauer und Taktik zu vereinen, um die Position im Feld zu kämpfen oder Punkte zu sammeln. Das Allergrösste, was die Bahnrad-Fahrer:innen im Sport erreichen können, sind die Olympischen Spiele. 16 Jahre lang war keine Schweizerin mehr dabei – bis Aline Seitz und Michelle Andres in diesem Jahr in Paris gestartet sind.

Seitz und Andres sind 27 Jahre alt und kennen sich seit ihrer Kindheit. Die beiden Aargauerinnen sind mit dem Velofahren gross geworden. Alles begann auf dem Mountainbike. Für das Biken war es aber nicht so förderlich, dass Seitz eine tiefe Trittfrequenz fuhr. Um das zu verbessern, ging sie in die Bahn-Nachwuchstrainings. Sie überredete dann Andres, in ein Probetraining zu kommen. Sogleich faszinierte der Bahnradsport beide. 2017 mussten sie sich entscheiden: «Alles oder nichts», sagt Andres. Die beiden fühlten sich auf der Bahn von Anfang an wohl: «Als ich zum ersten Mal auf die Bahn kam, dachte ich ‹Wow, die sehen ja so aus wie ich – kräftig und muskulös›», sagt Seitz. Andres sagt lachend: «Du bist halt eine Maschine!»

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Die Verbrennungswunden, die sich Aline Seitz und Michelle Andres in Paris bei den Olympischen Spielen zugezogen haben, sind noch nicht ganz verheilt – weder an ihren Beinen noch im Herzen. Sie litten danach beide am sogenannten «Post-Olympic Blues». So viel Zeit und Energie hatten sie in dieses grosse Ziel investiert – und plötzlich war alles vorbei. Inzwischen haben sie sich wieder aufgerafft, können wieder lachen und trainieren auf der Bahn in Grenchen für die nächsten grossen Ziele. Über die Olympischen Spiele in Los Angeles 2028 denken sie aktuell allerdings noch kaum nach. Die Qualifikationsperiode beginnt zwei Jahre davor. Foto: Mirjam Kluka

Mit ihnen entstand das erste Elite-Kader für Bahnrad-Sportlerinnen in der Schweiz. Die letzte erfolgreiche Bahnfahrerin, Karin Thürig, hatte 2008 an den Olympischen Spielen teilgenommen. Swiss Cycling habe vor 2017 sehr wenig in den Bahnsport der Frauen investiert, findet Christian Rocha, Bahnrad-Speaker im Velodrome Grenchen und ehemaliger Nationaltrainer im Strassenradsport. Die wenigen Fahrerinnen mussten sich den Trainingsgruppen der Männer anschliessen. «Für Frauen gab es kein Programm, keinen eigenen Coach und somit geringe Förderung.»

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Foto: Mirjam Kluka

Micha Jegge, der Kommunikationsverantwortliche von Swiss Cycling, sagt, der Bahnradsport sei keine Einstiegsdisziplin und niemand werde automatisch zur Bahnfahrerin. Deshalb probiere der Verband mittels Talenttransfer, Athletinnen aus anderen Disziplinen für die Bahn zu begeistern. «Viele ziehen von sich aus keinen Wechsel in Betracht, deshalb versuchen wir ihnen aufzuzeigen, warum es sich lohnen könnte», sagt Jegge. Ausserdem würden Frauen und Männer von gemeinsamen Trainings profitieren. Vor sieben Jahren startete Swiss Cycling ein Projekt, um die Frauen spezifisch zu fördern. Sie engagierten erstmals einen eigenen Bahn-Trainer. Der Neuseeländer Ross Machejefski coachte auch talentierte Fahrerinnen wie Michelle Andres und Aline Seitz.

Dass sie sich nun Olympionikinnen nennen können, ist eine Belohnung für all die Zeit und Energie, die sie in den Bahnradsport investiert haben. An den Spielen fuhren sie gemeinsam das Madison. Pro teilnehmende Nation fährt in dieser Disziplin ein Zweierteam insgesamt 30 Kilometer auf der Bahn und schickt sich gegenseitig mit einer sogenannten Schleuderablösung ins Rennen. Dabei halten sich die beiden Fahrerinnen an den Händen, wobei die Vordere die Hintere zieht. Diese sprintet dann auf der untersten Linie der Bahn, um Punkte zu holen, die Andere schwenkt aus und erholt sich, bis ihre Kollegin wieder zwei Runden gefahren ist. «Es ist ein riesiges Durcheinander», sagt Seitz. Sie ist die Sprinterin, Andres die Taktikerin. Doch in Paris blieb der Erfolg aus. Vor dem ersten Sprint schnitt eine Fahrerin Andres den Weg bei einer Ablösung ab. Andres und Seitz stürzten beide, zogen sich grossflächige Verbrennungen zu, stiegen wieder aufs Velo und kämpften weiter. Die Wunden sind noch nicht ganz verheilt, weder am Körper noch im Herzen.

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Foto: Mirjam Kluka

Nach den Olympischen Spielen waren Seitz und Andres frustriert. «Zuhause zu sein, war unwirklich. Ich dachte: ‹Und jetzt?›», sagt Andres. Sie erzählt von einem «Post-Olympic Blues» und wie sie in ein tiefes Loch gefallen sei: «Ich kam nicht mehr aus dem Bett und konnte lange nicht allein aufs Velo.» Auch heute sei sie noch nicht ganz die Alte, denn das lang ersehnte Ziel, wofür sie so viel Zeit und Energie investiert hatte, ist nur noch eine Erinnerung. Seitz sagt, sie habe sich auf diesen Blues vorbereitet. Sie plante viele Termine und arbeitete nach den Olympischen Spielen eine Aufgaben-Liste ab: «Alles vor Olympia schoben wir auf nach Olympia – nichts war so lange so wichtig.» Doch mit der Zeit war sie so erschöpft, weil sie sich keine Ruhe liess.

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«Eigentlich ist der Sport unser ganzes Leben.»

Michelle Andres

Der Velosport bestimmt vieles im Leben von Seitz und Andres. Die Ernährung muss stimmen, sie müssen in die Massage und Physiotherapie, dehnen, abends früh genug ins Bett und, und, und. «Eigentlich ist der Sport unser ganzes Leben», sagt Andres. Insgesamt hätten sie mehr schlechte als gute Trainingstage, sagen Seitz und Andres. Nach jedem Rennen müssten sie wieder von vorne anfangen. Ein Erfolg sei keine Garantie für das nächste Rennen. «Uns wird nichts geschenkt.» Trotz allem können sich Seitz und Andres nicht in einem Bürojob vorstellen: «Es ist ein riesiges Privileg, jeden Tag Velo zu fahren und das zu tun, wofür wir brennen», sagt Seitz.

Die meiste Zeit auf der Bahn verbringen sie in den Wochen vor grossen Rennen und einmal im Monat in Trainingslagern mit der Nationalmannschaft. Die sonstigen Trainings machen sie selbstständig von zuhause aus, sie gehen bis zu dreimal pro Woche ins Krafttraining, trainieren auf der Strasse Intervalle und Grundlagen oder fahren bei schlechtem Wetter auf der Rolle. «Wir folgen einem Trainingsplan, können uns aber darüber hinaus den Tag so einteilen, wie wir wollen. Wir sind unsere eigenen Chefinnen.»

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Die beiden Bahnradprofis Aline Seitz und Michelle Andres haben sich kennen­gelernt, als sie neun Jahre alt waren. Sie gehen schon lange gemeinsame Wege im Sport. Entsprechend eingespielt sind sie bei der Schleuderablösung, bei der die vordere Fahrerin die hintere zieht und sie so ins Rennen schickt. Foto: Mirjam Kluka

alten Seitz und Andres um die 20000 Franken von der Sporthilfe, und auch auf Sponsorengelder sind sie angewiesen. Diese finden sie privat. Swiss Cycling zahlt ihnen in den Trainingslagern und bei Rennen alles, aber keinen Lohn. Neben dem Radsport arbeitet Seitz bei der Velomarke Q36.5, und Andres ist in Teilzeit in der Kommunikation angestellt. Beide haben einen Bachelorabschluss: «In der Schweiz ist der Beruf als Profisportlerin nicht wirklich anerkannt», sagen sie. «Ohne Abschluss müssten wir uns trotz allem rechtfertigen.» Andres studierte Kommunikation und Medienforschung und Seitz Psychologie.

Der Bahnradsport hat in der Schweiz wenig Aussenwahrnehmung. Laut Christian Rocha war die Bahn früher bei den jungen Rennfahrern beliebt: «Küng und Bissegger waren erfolgreiche Bahnfahrer. Heute nutzen sie ihre Fähigkeiten leider nur noch auf der Strasse.» Zudem sind die prestigeträchtigen Sechstagerennen, wo sich die Sportler:innen auf der grossen Bühne präsentieren konnten, zu grossen Teilen weggefallen. Micha Jegge von Swiss Cycling sagt: «Die Aussenwahrnehmung hat in erster Linie mit dem Erfolg zu tun.» Als Stefan Küng 2015 in Grenchen Europameister wurde, sei das Interesse enorm gross gewesen. Später sei es dann wieder abgeflacht, weil die besten Fahrer wie Küng oder später Bissegger von Profi-Strassenteams unter Vertrag genommen wurden. Nur schon des Geldes und der Möglichkeit, grosse Rennen zu fahren, lehne man solch eine Möglichkeit nicht ab.

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Die vielen Reisen als Bahnradprofi entschädigen Seitz und Andres etwas für den tiefen Lohn. Im Januar waren sie an den Europameisterschaften in den Niederlanden. Danach reisten sie nach Australien, Hongkong und Kanada an den Weltcup. «Wir waren schon dreimal bei den Niagarafällen», sagt Seitz. «Das Leben als Profi ist schon cool.» Die Reisen an die Rennen verbinden Seitz und Andres oft mit einem Trainingslager. Manchmal machen sie Tagesausflüge oder gehen Kaffee trinken.

Ihr letztes Rennen fuhren sie im November. Danach endete die Saison, endlich Ferien. «In der Off-Season machen wir absolut nichts, was ansatzweise mit dem Velo zu tun hat.» Die Freundinnen schauen sich an und lachen: «Wir sind dann so unsportlich!» Michelle Andres reist in ihrer dreiwöchigen Pause mit ihrem Partner nach Sansibar. Aline Seitz nimmt sich vier Wochen Auszeit. Das hat sie seit sieben Jahren nicht mehr gemacht. Sie reist mit ihrem Partner nach Hawaii, sie wolle an den Strand und «so weit weg wie nur möglich».

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