Das Veloschloss am Sempachersee

Trotz hoher organisatorischer Hürden hat das Team Tudor sein Hauptquartier in der Schweiz. Lohnt sich das? Ein Besuch im neuen Rennstall von Fabian Cancellara.

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Fotografie: Sam Buchli

Stünden vor dem Büroneubau im Industriequartier von Schenkon keine Fahrzeuge mit Tudor-Team-Beschriftung, käme niemand auf die Idee, dass hier, am Sempachersee im Kanton Luzern, neben gesichtslosen Industriegebäuden und Baustellen, das neue Schweizer Profi-Radteam seine Basis hat. 

Der sogenannte Service Course ist Materiallager und Hauptsitz eines Radsportteams zugleich. Auf 450 Quadratmetern lagert alles, was es braucht, um ein Profi-Radteam plus Nachwuchsequipe zu betreiben. Im 4. Stock warten Raphael Meyer und Fabian Cancellara. Die Reihenfolge der Namensnennung ist bewusst gewählt: Team-CEO Meyer hat den Lead, Eigentümer Cancellara hört in unserem Gespräch zu und ergänzt ab und an etwas.

Es ist die überraschendste Erkenntnis dieses Besuchs: Der Berner Ex-Radprofi, während seiner Karriere stets im Zentrum des Geschehens, mit Sendungsbewusstsein ausgestattet, hat für sich eine neue Position gefunden, in der er das Rampenlicht nicht mehr bedingungslos sucht. Die beiden sind ein eingespieltes Duo, seit sie kurz nach Cancellaras Rücktritt 2016 ihre Zusammenarbeit begannen.

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Fotografie: Sam Buchli

Dass das Herz des Tudor Pro Cycling Team ausgerechnet am Sempachersee schlägt, liegt vor allem an Meyer: Er wuchs im Nachbardorf Geuensee auf, wo er zusammen mit AG2R-Profi Michael Schär schon im Kindergarten war. Vor zwei Jahren mieteten Meyer und Cancellara einen kleinen Teil der jetzigen Fläche. Vier Personen waren damals auf der Lohnliste des einstigen Classiques-Stars.

Mit dem Hauptunternehmen Sette Sports AG organisieren sie seit 2019 Volksradrennen. Das Hauptformat «Chasing Cancellara» gibt es immer noch, das Eventmaterial ist in einem der vielen Räume verstaut. Jene vollgepackten Gestelle wirken wie aus einer anderen Zeit. Da ist noch nichts zu sehen von der Akribie, mit der die Ersatzteile der Profimannschaft im Service Course sortiert sind. Besonders in der Werkstatt. Auf zwei Ebenen hängen die Velos, ein Meer von roten BMC-

Maschinen, jede blitzblank poliert und mit dem Namen des jeweiligen Fahrers beschriftet. Sechs Velos sind es für jeden Profi: vier Strassen- und zwei Zeitfahrmaschinen. Je ein Velo haben die Athleten daheim fürs Training, die übrigen vier warten hier auf Renneinsätze.

Wie viel Velowert hängt in diesem Raum? Cancellara beginnt laut vorzurechnen: «120 Velos für das Pro-Team, dazu 39 für das Nachwuchsteam, multipliziert mal 13000 Franken Verkaufspreis …» Er verdreht die Augen, als ob ihm schwindlig würde, und verzichtet darauf, das Resultat auszusprechen ­­– gut 2 Millionen Franken.

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Fotografie: Sam Buchli

Gegenüber an der anderen Wand hängen Laufräder in allen Ausführungen, je 250 Vorder- und Hinterräder. Daneben lagern die Pneus, viele sind Prototypen, rund 1200 Stück verschleisst das Team im Jahr. Ebenfalls eindrücklich: die Ersatzteilkisten bei den Werkbänken der Mechaniker. Eine ist gefüllt mit Veloketten, eine zweite mit linken, eine dritte mit rechten Bremshebeln. Danach folgt eine voll mit Schaltwerken, und so weiter. Weiter hinten ist die Wachs-station eingerichtet. Statt Öl gilt Wachs inzwischen als bestes Gleitmittel: Neue Ketten werden dazu vor der Installation in ein warmes Wachsbad gelegt.

Mit seinem physischen Sitz in der Schweiz ist das Team Tudor ein Exot im Profizirkus. Das Q36.5 Pro Cycling Team, das ebenfalls mit einer Schweizer Lizenz fährt und hiesige Sponsoren repräsentiert, hat seinen Service Course in den Niederlanden – wie viele andere Profi-Teams auch. Das hat vor allem logistische Gründe. Einerseits läuft die internationale Logistik über die dortigen Häfen, andererseits werden viele Rennen in der Benelux-Region ausgetragen. «Doch das kam für uns nie in Frage. Swissness ist für uns mehr als ein Lippenbekenntnis», sagt Tudor-CEO Raphael Meyer.

Cancellara und er ziehen das konsequent durch, obschon es mit deutlichem Mehraufwand verbunden ist. Da wären etwa die Zollformalitäten, die mit der Wareneinfuhr einhergehen. Aber auch mit jeder Fahrt an ein Rennen im Ausland – schliesslich bewegen sich da immer Teamfahrzeuge voll beladen mit teurem Material über die Landesgrenze.

Hinzu kommen die Steuerformalitäten: Die Angestellten des Teams Tudor haben 14 verschiedene Nationalitäten und leben in 15 verschiedenen Ländern. «Wir haben unzählige Abklärungen gemacht, um alles richtig abzurechnen», erzählt Meyer. Kommt hinzu, dass die 70 Angestellten, Fahr- und Betreuungspersonal und Coaches alle reguläre Arbeitsverträge besitzen. Für normale Arbeitnehmer:innen mag das selbstverständlich sein, für Teammitglieder im Profiradsport nicht. In den meisten Equipen sind etwa die Fahrer selbstständig erwerbend und müssen sich selbst um Themen wie ihre Versicherung oder eine Altersvorsorge kümmern.

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Fotografie: Sam Buchli

Dass sein Team mit 70 Personen in die erste Profisaison starten würde, hätte sich Cancellara nicht träumen lassen, als er im Frühling vor einem Jahr das Projekt um Hauptsponsor Tudor präsentierte. Er war 2020 ins Nachwuchsteam eingestiegen, als dieses sich mit existenziellen Problemen konfrontiert sah. Zuerst war es durch das Dopinggeständnis des damaligen sportlichen Leiters Pirmin Lang durchgeschüttelt worden, dann durch ausbleibende Sponsorengelder, eine Folge der Covidkrise. «Da wären 16 Nachwuchsfahrer ohne Zukunft gewesen, darum half ich mit. Von einem Profi-Team war damals nie die Rede», sagt Cancellara.

Das war nicht die einzige Fügung. 2019 bestimmte der Schweizer Verband Swiss Cycling die Stadt Zürich zum Austragungsort für die Strassen-WM 2024. «Wenn die WM stattdessen in Bern stattfände, gäbe es dieses Team nicht. Dann wären wir jetzt dort involviert», sagt Raphael Meyer.

Einen grossen Anteil an der Struktur des Teams hat auch Ricardo Scheidecker. Der Portugiese könnte durchaus als eigentlicher Königstransfer von Tudor bezeichnet werden. Er kam vom siegreichsten Team der vergangenen Jahre, den Belgiern von Soudal-Quickstep. Beim Team Tudor amtet er nun als Head of Sports. Also als Mann, der die sportlichen Geschicke überblickt. Er stiess erst dazu, als die Personalrekrutierung quasi abgeschlossen war. «Doch dann wuchsen wir auf allen Staff-Ebenen noch einmal um 20 Prozent», sagt Meyer. Nun kümmern sich vier statt bloss zwei Coaches, zehn statt sechs Mechaniker und elf statt sechs Soigneur:innen um die Bedürfnisse der 20 Rennfahrer. 

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Acht Fahrer haben einen Schweizer Pass. Jener mit dem grössten Leistungsausweis ist der 33-jährige Sébastien Reichenbach, der in den vergangenen Jahre stets als Helfer an der Seite des Franzosen Thibaut Pinot die Berge hochfuhr. Nun wolle es der Walliser noch einmal wissen, heisst es beim Team Tudor. «Wir sind kein Team für Fahrer im aktiven Ruhestand», hält Fabian Cancellara fest – von Reichenbach erhoffe er sich deshalb sehr wohl noch gute Resultate, ja Siege.

Bis Anfang Mai hat es für den Team-Captain Reichenbach allerdings noch nicht geklappt. Vier Siege glückten bis dahin den Fahrern im schwarz-weiss-roten Trikot: Es jubelten der Berner Joel 

Suter, der Niederländer Arvid De Kleijn, der Walliser Simon Pellaud und der Däne Alexander Kamp.

Kamp ist ein Leistungsträger im Team, er erreichte auch in den Frühjahrsklassikern mehrere Top-10-Ergebnisse. Einer wie er ist unter den Schweizer Fahrern noch nicht zu erkennen, trotz der überraschenden Erfolge von Pellaud und Suter. Doch das blieben bisher Exploits. Für regelmässige Schweizer Siege bräuchte es wohl noch den einen oder anderen Transfer. Denn das Team will mehr, der Zeitplan ist bekannt: 2024 will Tudor eine der drei grossen Rundfahrten bestreiten. Und 2026 in die oberste Stufe der World Teams aufsteigen.

Hat Tudor Pro Cycling da genügend Anziehungskraft? Zumal das andere Schweizer Team, Q36.5, ebenfalls an einheimischen Leistungsträgern interessiert sein dürfte. Raphael Meyer lächelt verschmitzt und deutet auf die professionelle Espressomaschine im Aufenthaltsraum: «Es gibt nicht viele Schweizer Profis, die noch nie auf einer Trainingsfahrt bei uns vorbeigeschaut haben. Und nicht nur, weil wir guten Kaffee servieren.» Es gibt ihn also doch, den Vorteil eines Service Course in Schenkon am Sempachersee.

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